KARL-RICHTER-VEREIN

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Das lange Leben des Karl Richter

Sozialdemokrat und Gewerkschafter des zwanzigsten Jahrhunderts

1904 bis 2005


  1. Die Kaiserzeit - Die Jahre von 1904 bis 1918
  2. Die Anfangsjahre der Weimarer Republik - Die Zeit von 1918 bis 1922
  3. Das Jahr 1923
  4. Die Machtübernahme durch die Nazis - Das Jahr 1933
  5. Die Zeit des Nationalsozialismus bis zum Zweiten Weltkrieg - Die Jahre von 1934 bis 1939
  6. Der Zweite Weltkrieg - Die Jahre von 1939 bis 1945
  7. Jahre des Wirkens als Westberliner Gewerkschaftsführer - Die Zeit von 1948 bis 1969
  8. Die letzten Jahre - 2003 bis 2005

Karl Richter war ein Berliner. Die deutsche Hauptstadt Berlin, in der er ein Leben lang wohnte, wirkte und starb, der er sich zeitlebens verbunden fühlte, in der er enge berufliche und private Beziehungen knüpfen sollte, war auch seine Geburtsstadt.


Die Kaiserzeit

Die Jahre von 1904 bis 1918

Karls Eltern lebten im Friedrichshain, einem Berliner Arbeiterbezirk, Grüner Weg 37, als er am 15. Juli 1904 im kaiserlichen Deutschland geboren wurde. Sein Vater war Dachdecker, seine Mutter Hausfrau, Karl ihr erstes Kind. Zwei Geschwister folgten, Bruder und Schwester. Bald darauf zog die Familie in den Prenzlauer Berg, ebenfalls ein Arbeiterbezirk, in die Oderbergerstraße 60, wo die Geschwister ihre Kindheit verlebten. Alle drei besuchten die Volksschule, absolvierten also acht Schuljahre. Karls Klasse bestand aus 46 Schülern.

Zeitlebens erinnerte sich Karl an sorglose Kinderjahre im freundlichen Elternhaus, zu dem auch eine Laube in Pankow gehörte. Die Unbeschwertheit wich mit dem Ersten Weltkrieg, als der Zehnjährige als Mitglied eines Schülerchores in Lazaretten auftrat und sich plötzlich mit Leid und Elend des Kriegs konfrontiert sah. Auch den Hunger der Kriegsjahre lernte er kennen, den sprichwörtlich gewordenen „Kohlrübenwinter“ 1917.

Im selben Jahr, dem dritten Kriegsjahr 1917, hatte Karl die Schule beendet und wurde für ein Jahr zur Erholung nach Ostpreußen verschickt. Er war bei einer Familie in Gerdauen untergebracht, die Landwirtschaft betrieb, und es machte ihm Spaß, dörfliche Lebensverhältnisse kennen zu lernen und bei der Arbeit mit zuzugreifen.

Die Anfangsjahre der Weimarer Republik

Die Zeit von 1918 bis 1922

Am 9. Oktober 1918 trat der 14jährige Karl in Berlin seine Lehre an. Es war eine Zeit undurchsichtiger politischer und sozialer Entwicklungen: Ende des Weltkriegs mit vielen Opfern und schweren Folgen für die Bevölkerung, Sturz der Monarchie, erst Ablehnung, dann Annahme des Versailler Vertrages, Novemberrevolution, Weimarer Republik mit sozialdemokratischer Reichsregierung, Gründung des Spartakusbundes, danach der kommunistischen Partei, Ermordung ihrer Führer Luxemburg und Liebknecht, Hinrichtung der Führer des Matrosenaufstands Köbis und Reichpietsch, Wirtschaftskrise und Inflation. In diesen „Wirren“, die die Berufswahl nicht gerade erleichterten, fällte der junge Karl den Entschluss, das Buchdruckerhandwerk zu erlernen.

Im elterlichen Haushalt gab es einige Bücher zu diversen Themen, in denen er gern schmökerte; daneben sammelte er, was die Druckbranche als allerneueste Schlager auf dem Markt brachte, farbige Bilder, Abbildungen aus verschiedenen Bereichen des Lebens, die die Zigarettenindustrie als Werbematerial anbot; und schließlich hatte er technisches Interesse. So suchte er, diese Neigungen zu verbinden, was der Buchdruckerberuf ermöglichte.

Der Lehrvertrag galt für vier Jahre und wurde mit der Firma H. Büttner, SO 16, Wusterhausener Straße 16, geschlossen, einem mittleren Betrieb mit vielseitigen Druckaufträgen. Wie für die angestellten Kollegen galt auch für Lehrlinge der 48-Stundentag, aber die Zahl der Urlaubstage war abhängig vom Lehrjahr: im ersten gab es 6, im zweiten 7, im dritten 8, und im vierten Jahr 9 Tage frei. Die Ausbildungsbeihilfen betrugen wöchentlich 5 bis 8 Mark. Was die Qualität der Ausbildung an den Maschinen betraf, so hing sie stark vom eigenen Interesse ab: wie sehr der Lehrling selber bemüht war, sich die Erfahrungen und Fertigkeiten der Fachkollegen anzueignen. Karl war sehr bemüht.

Die praktische wurde durch eine theoretische Ausbildung ergänzt. Sie fand in der 3.Städtischen Fortbildungsschule für das graphische Gewerbe in der Wrangelstraße 85 statt. Zweimal wöchentlich für drei Stunden abends nach der Arbeitszeit drückten die Lehrlinge wieder Schulbänke.

In Karls zweitem Lehrjahr 1919 geschah im Berufsschulwesen bislang Einmaliges: unter Führung der sozialdemokratisch gesinnten Arbeiterjugend traten alle Lehrlinge dieser Fortbildungsschule in den Streik, ganz nach dem Muster der rebellisch-revolutionär gestimmten Berliner Arbeiterschaft. Sie halfen die Forderung durchzusetzen, den theoretischen Unterricht aus den Abend- in Vormittagsstunden zu verlegen. Das war eine gewaltige Verbesserung der Lebensbedingungen der Lehrlinge. Eine wichtige Erfahrung, die Karls politisches wie gewerkschaftliches Interesse schürte. Hinzu kam das Erlebnis des reaktionären Kapp-Putsches im März 1920, und des Generalstreiks, der dem Putschistenspuk ein Ende setzte und die Weimarer Republik rettete. Ein politischer, nicht für soziale Forderungen geführter Streik, in dessen Strudel der Lehrling Karl hineingezogen wurde.

Zwei Monate später trat Karl, noch als 15jähriger, am 1. Mai 1920 dem Verein Arbeiterjugend bei, der späteren Sozialistischen Arbeiterjugend, Berliner Gruppe Nordost, was später als Beginn seiner SPD-Mitgliedschaft anerkannt wurde. Seine frühe Entscheidung für die Sozialdemokratie war erstaunlich für einen so jungen Mann, der nicht schon von Kindesbeinen an politisch gelenkt wurde. Sein Vater las zwar den „Vorwärts“, die Zeitung der SPD, aber Politik war in Karls Elternhaus kein besonderes Thema.

Im Kreis dieser Jugendlichen beschäftigte er sich mit der Geschichte der Arbeiterbewegung, gemeinsam wurden Kampf- und Volkslieder gesungen, Chorwerke und Volkstänze aufgeführt, Vorträge zur Literatur, Musik, Malerei und Architektur, zu Wirtschaft und Geschichte besucht, und an den Wochenenden fuhr man zusammen auf Entdeckungsfahrt ins Brandenburger Land. Karls Kontakt zur Arbeiterjugendbewegung hatte ihn nicht nur endgültig politisiert, sondern genauso unwiderruflich in die Welt der Kunst und Kultur eingeführt, was gleichermaßen prägend für seine Persönlichkeitsentwicklung war. Dass er so sein Volksschul- und Allgemeinwissen erheblich erweitern und sich als Kind einfacher Leute kulturelle Werte aneignen konnte, verdankte er ausschließlich den Bildungsbestrebungen und –angeboten der damaligen Sozialisten. Noch Jahrzehnte danach, als diese Bildungseuphorie der Genossen längst passé war, versäumte er keine Gelegenheit, an einstige Ideale zu erinnern.

Fünf Monate später, am 1. Oktober 1920, trat der nun 16jährige zudem noch der Lehrlingsabteilung des Verbandes der Buchdrucker bei. Sie war an eben diesem Tag nach zähem Ringen der Jungbuchdrucker gegründet worden, die ihre wirtschaftlichen Interessen selber vertreten wollten. Damit verfuhren sie ganz nach dem Vorbild der ausgelernten Kollegen der Buchdruckerzunft, die am stärksten von allen Berufsgruppen in Deutschland, nämlich zu 96%, gewerkschaftlich organisiert waren. Schon diese Tatsache hatte Karl beeindruckt, abgesehen davon, dass er das Anliegen nach eigener Interessenvertretung teilte, weshalb er sich an den Gründungsaktivitäten beteiligt hatte. So war er von Anfang an und bis zu seinem Lebensende sowohl politisch als auch gewerkschaftlich organisiert.

Im selben Jahr 1920 verunglückte sein Vater bei einem Arbeitsunfall tödlich. Es war für Karls Familie ein schwerer Schlag, ein emotionaler, aber auch ein ökonomischer, denn der Ernährer fehlte. Karl war im zweiten, sein Bruder im ersten Lehrjahr, und seine Schwester besuchte noch die Schule. Die Verhältnisse in Deutschland waren weiterhin durch Krise, Arbeitslosigkeit und Inflation gekennzeichnet, dennoch gelang es der Mutter mit ihrer kleiner Witwenrente, den Söhnen den Abschluss der Ausbildung zu ermöglichen. Karl empfand zeitlebens Dankbarkeit dafür.

Zwei Jahre später, am 30. September 1922, schloss er seine Lehre ab und wechselte für drei Monate, vom 19.2. bis zum 15.4.1923, zur Firma H. S. Hermann und Co., SW 19, Beutelstraße 8.

Das Jahr 1923

Einem alten Handwerker- und Buchdruckerbrauch folgend, entschloss sich Karl am 22. Mai 1923 als Jünger der „Schwarzen Kunst“ auf die Wanderschaft zu gehen. Sein Begleiter war Walter G. Oschilewski, ein Schriftsetzer, den er in der Arbeiterjugendbewegung kennen gelernt hatte, und mit dem ihn eine lebenslange Freundschaft verband. Zu Fuß legten sie den Weg von Berlin über Breslau und Brünn nach Wien zurück, walzten nach Nürnberg zum reichsweiten Arbeiterjugendtag am 11. 8. 1923 und kehrten dann nach Berlin um, wo sie am 28. August wieder eintrafen.

Unterwegs waren sie Tschechen, Slowaken und Österreichern begegnet, hatten also andere Völker, Sitten und Arbeitsweisen kennen gelernt, aber vor allem internationale Solidarität und Kollegialität, ohne die ein Wanderbursche die Walz schwerlich überstanden hätte. Da wurde ihnen ein Dach über den Kopf angeboten, Wegzehrung (viaticum) zugesteckt und Arbeit vermittelt, ganz abgesehen von den Gegenseitigkeitsverträgen der europäischen Brudergewerkschaften, nach denen auf den Reiserouten Zahlstellen für das Auszahlen von Reiseunterstützung eingerichtet worden waren.

In diesem Jahr 1923 hatte die Inflation in Deutschland eine Rekordhöhe erreicht. In seiner neuen Anstellung, die Karl am 6. September bei Pass & Garleb, W57, Bülowstraße 66, antrat, verdiente er in der Woche 3 œ Billion Reichsmark. In diesem selben Jahr gab es allein für die Druckindustrie 34 Lohnverhandlungen. Nur 14 Tage später, am 15.9.23, wurde er wegen Arbeitsmangel wieder entlassen, fand bei der Firma A. Seidel und Cie, SW 61, Teltowstraße 29/30, für vier Wochen Beschäftigung, war anschließend 5 Monate arbeitslos und kehrte danach, ab 24. 4. 24, für dann fünfzehneinhalb Jahre wieder zu Pass & Garleb zurück.

Die Zeit bis zum Ende der Weimarer Republik

Die Jahre von 1924 bis 1933

Die „Goldenen zwanziger Jahre“ waren trotz Inflation, Bürgerkrieg und Krise für Karl auch mit persönlichen Aufschwüngen verbunden. Er genoss das kulturelle Leben der Hauptstadt, wo sich engagierte Künstler für die Belange der Arbeiterschaft einsetzten und betrieb so seine kulturelle „Fortbildung“ weiter. Er besuchte regelmäßig Theatervorstellungen der Volksbühnenbewegung, deren Mitglied er 1922 (oder schon 1920) geworden war, trat 1924, mit ihrer Gründung, der Büchergilde Gutenberg bei und las mehr als zuvor, belegte im selben Jahr an der Abendschule einen Sprachkurs „Esperanto“, und begann um 1925 eine Sammlung bibliophiler Bücher und historischer Stücke aus dem Buchdruckergewerbe. Die Antiquitätensammelleidenschaft, erstaunlich für einen Arbeiter, begann er mit dem Erwerb einer Bibel von 1770 und dem Gutenberg-Album von 1840 und setzte sie über Jahrzehnte bis in hohe Alter fort.

Außerdem verheiratete er sich. Am 22. Mai 1926 schloss er den Ehebund mit der vier Jahre älteren Editha Wollstein, einer Jüdin, die ohne erlernten Beruf als Gewerkschaftsangestellte arbeitete, und die er wie seinen engen Freund Walter G. Oschilewski in der Arbeiterjugend kennen gelernt hatte. Karl war 22 Jahre alt und zog aus der Raumerstraße, wohin seine Mutter mit den Geschwistern vor Jahren gewechselt war, am 8. Juni 1926 aus und bei den Schwiegereltern, Franzstraße 11, ein.

Auch beruflich gab es einen Aufstieg. Karl bildete sich innerhalb des Betriebes zum Tiefdrucker und Maschinenführer einer Mehrfarben-Tiefdruckrotationsmaschine weiter. Die Ausbildung dauerte 13 Wochen, in welchen ihm der Lohn weiterbezahlt wurde als stünde er im vollen Arbeitsprozess. Der Tiefdruck war eine neue Drucktechnik, erst wenige Druckereien waren mit entsprechenden Maschinen ausgerüstet, die diese Technik wie ein Geheimnis hüteten und eilig suchten, den Ausbildungsstand ihres Personals dem Entwicklungsstand der Technik anzugleichen. Karl nahm diese Aufgabe mit Begeisterung an, die soweit ging, dass er sich persönlich für die Umrüstung des Maschinenparks engagierte.

Parallel dazu begann Karls Leben als ehrenamtlicher Funktionär, die Kollegen wählten den knapp Zwanzigjährigen wegen seines Engagements zum Vertrauensmann. 1924 wurde er in den Betriebsrat gewählt, und als dessen Mitglied half er gezielt, die Struktur der Firma auf den Tiefdruck umzustellen: das Koordinieren der technischen Abteilungen wie Verkupferung, Ätzerei, Photographie war eine immense Herausforderung für Betrieb und Belegschaft. Damals traf Karl seine erste Tarifentscheidung: er stimmte zu, dass ein Tiefdrucker den gleichen Lohn wie ein Buchdrucker erhielt, dass die Beherrschung verbesserter Technik nicht eine Lohnaufbesserung nach sich zog.

Nach dreieinhalb Jahren Ehe konnten sich Karl und Editha endlich eine eigene Wohnung leisten. Sie zogen am 22.7.29 nach Britz, einem Stadtteil des Bezirkes Neukölln, Grüner Weg 6. In dieser Zeit engagierte sich Karl ehrenamtlich in der Arbeit des VIII. Bezirks der Berliner Buchdrucker. Er wurde außerdem 1933 Vertreter der Zweiten Gewerkschaftsinternationale.

Spätestens Anfang der dreißiger Jahre nahm das Erstarken der Nationalsozialisten, die der jungen Weimarer Republik den Kampf angesagt hatten, bedrohliche Formen an, so dass es zu Zusammenschlüssen von Nazigegnern kam. Auch Karl suchte sich zu organisieren und trat 1931 mit Gründung der Eisernen Front diesem allerdings nur zwei Jahre bestehenden Bündnis von Faschismusgegnern der Arbeiterschaft bei. Außerdem schloss er sich der „Gruppe Schneider“ an, die bei bewaffneten Auseinandersetzungen gegen die Nazis durch Druckschriften den Widerstand hätte unterstützen wollen. Zu einem solchen Einsatz kam es nicht.

Trotz zunehmender nazistischer Übergriffe machte Karl im öffentlichen Leben aus seiner gewerkschaftlichen wie politischer Haltung keinen Hehl. So verpasste er keine Mai-Demonstration, auch in den folgenden acht Jahrzehnten nicht, ausgenommen in der Zeit der Nazidiktatur. Selbst als 100- und 101jähriger nahm er im Rollstuhl an den Abschlusskundgebungen teil.

Die Machtübernahme durch die Nazis

Das Jahr 1933

Die Machtergreifung der Nationalsozialistischen Partei war für Karl ein schwerer Schlag, besonders die Tatsache, dass sie diese auf demokratisch-parlamentarischen Weg erreicht hatte. Trotzdem zweifelte er nicht, dass parlamentarische Demokratie der einzig richtige Weg politischer Gestaltung des Gemeinwesens sei.

Wegen seiner politischen und gewerkschaftlichen Tätigkeit wurde Karl auf Veranlassung der Nazis gekündigt. Doch er beugte sich nicht, legte Einspruch ein, und der hatte Erfolg. Seine Betriebsratskollegen setzten sich für ihn ein, die Geschäftsleitung selbst legte Wert auf seine Weiterbeschäftigung als Maschinenführer an einer Tiefdruck-Rotationsmaschine. Die Entlassung wurde zurückgenommen.

Den Überfall auf die Gewerkschaftshäuser am 2. Mai 1933, die Festnahme von hauptamtlichen Gewerkschaftsfunktionären, ihre Ersetzung durch Nazi-Bonzen, die Beschlagnahme von Druckschriften und Büchern war für Karl ein weiterer Schlag. Vorausgegangen war die tags zuvor erfolgte Teilnahme aller Gewerkschaften und ihrer Berliner Mitglieder am 1.-Mai-Aufmarsch auf dem Tempelhofer Feld in Berlin, womit die Gewerkschaftsführer eine Loyalität der Nazis den Gewerkschaften gegenüber erreichen wollten. Eine Strategie, die Karl als Funktionär der Basis mit zwiespältigen Gefühlen verfolgt hatte. Kaum sah er sich in der Masse der Aufmarschierten unbeobachtet, machte er es einigen anderen gleich und verdrückte sich. Die Taktik der Gewerkschaftsführer entpuppte sich als großer historischer Irrtum: die Gleichschaltung der Gewerkschaften war somit ohne Gegenwehr erfolgt, an die Stelle freier Gewerkschaften wurde die nazistische Deutsche Arbeitsfront gesetzt.

Jetzt mutmaßte Karl zurecht, dass es besser wäre, weniger aufzufallen, in neuer Umgebung ein Unbekannter zu sein. Dies und die Suche nach einer geeigneteren Wohnung veranlasste das Ehepaar, am 1.10. 33 innerhalb von Britz in die Malchinerstraße 111 umzuziehen. Andere SPD-Mitglieder gaben aus dem gleichen Grund Wohnungen auf, die sie bislang bei sozialdemokratisch orientierten Wohnungsbaugenossenschaften gemietet hatten.

Die Zeit des Nationalsozialismus bis zum Zweiten Weltkrieg

Die Jahre von 1934 bis 1939

Wie in allen Bereichen der Gesellschaft wollten die Nationalsozialisten auch in Druckereien Stärke demonstrieren, eben jenen Arbeitsstätten, in denen die Arbeiterschaft wie in keinem anderen Bereich zu 96 Prozent gewerkschaftlich organisiert war. Dieser hohe Organisationsgrad war ihnen ein Dorn im Auge. Sie drangen unangekündigt in den Maschinensaal von Pass & Garleb ein und wollten durch das Besetzen von Arbeitsplätzen die Entlassung anderer Mitarbeiter erzwingen. Durch Karls Geistesgegenwart und Risikobereitschaft misslang das Vorhaben: er hatte die Maschinen im Handumdrehen so eingestellt, dass das rotierende Papier stark elektrostatisch aufgeladen wurde und von Unkundigen unmöglich beherrscht werden konnte. Außerdem hatte er die Absauganlage abgestellt, so dass die beim Drucken auftretenden Lösungsmitteldämpfe das Atmen beeinträchtigten. Die SA-Männer überließen Saal und „tanzende“ Papierbögen den Fachleuten und machten sich davon. Doch Schreck und Angst saßen noch lange in den Knochen aller Kollegen.

Den zunehmenden gesellschaftlichen Repressalien zum Trotz hielt Karl die politischen und gewerkschaftlichen Verbindungen aufrecht. So wurden die Chorstunden des Buchdruckergesangsvereins "Typografia" und des „Jungen Chores“ mit ihrer akustischen „Geräuschkulisse“ zur geeigneten Plattform, Treffen durchzuführen und Gedanken auszutauschen. 1937 half Karl seinem jüdischen Schwager, Max Wollstein, bei der Umsiedlung nach Dänemark.

Trotz der Gefahren von Rechts und drohender Kriegspläne, entwickelte Karl eine immer stärker werdende Ablehnung kommunistischer Ideale. Diese linken Ideen, durch Revolution, nicht durch demokratische Mitarbeit, die gesellschaftliche Entwicklung zu beeinflussen, sah er als Verkennung der Realität. So traf ihn dann aber die Tatsache hart, dass beide Theorien, die kommunistische und die sozialdemokratische, vor der nationalsozialistischen Gefahr versagten, und erst Kommunisten und dann Sozialdemokraten verfolgt, inhaftiert und ermordet wurden.

Der Zweite Weltkrieg

Die Jahre von 1939 bis 1945

Das drohende Unheil wurde Realität: Am 1. September 1939 überschritten deutsche Soldaten die Grenze zu Polen, der Zweite Weltkrieg hatte begonnen.

Noch im selben Monat geriet Karl erneut ins Visier der Nationalsozialisten und musste eine Hausdurchsuchung über sich ergehen lassen. Neben politisch anstößigem Material wurden auch Musikschrank und Rundfunkapparat beschlagnahmt, die Beschlagnahme des Rundfunks quittiert. Im Keller versteckte Manuskripte und Bücher blieben von der Durchsuchung verschont.

Vierzehn Tage später erhielt er von der Wehrmacht den Gestellungsbefehl, er lautete auf den 15. Oktober 1939. Einen Tag zuvor endete somit seine Anstellung bei der Firma Pass & Garleb. Als „unsicherer Kantonist“ wurde er in ein Baubataillon gesteckt. Fünfeinhalb Jahre musste er auch unter Beschuss im Straßen-, Brücken- und Stellungsbau schwere körperliche Arbeit verrichten.

Knapp ein Jahr nach der Einberufung, am 20.9.1940, ereilte ihn ein Telegramm seiner Mutter mit der Nachricht vom Tod seiner Frau Editha. Sie war an Tuberkulose verstorben, der typischen Proletarierkrankheit. Er bekam drei Tage Urlaub, um an der Beerdigung teilnehmen zu können.

Karl, zum Unteroffizier befördert, war in Polen, Russland und Frankreich eingesetzt und geriet am 7. April 1945 in Bad Kreuznach/Klepsau in amerikanische Gefangenschaft. Nach einem Jahr Internierung und Auflösung des Gefangenenlagers überstellten die Amerikaner die Insassen den Franzosen, von denen Karl an die Russen nach Brandenburg/Havel übergeben und unmittelbar darauf entlassen wurde.

Die Nachkriegszeit

Die Jahre zwischen 1946 und 1948

Am 6. 4.1946 meldete sich Karl in Berlin beim Einwohnermeldeamt zurück. Nach sechseinhalb Jahren war er wieder zu Hause angekommen, fand in seiner unzerstörten Wohnung in der Malchinerstraße 111 eine fremde, einquartierte Frau aus Schlesien vor, die jedoch bald auszog. Karl nahm umgehend Kontakt zu Freunden, ehemaligen Kollegen und Genossen auf.

Bereits ein knappes Jahr zuvor, am 10. Juni 1945, war der Aufruf zur Gründungsversammlung eines einheitlichen freien deutschen Gewerkschaftsbundes FDGB auf dem Gebiet der sowjetischen Besatzungszone erfolgt, und am 29. desselben Monats wurde die IG Grafisches Gewerbe gegründet. Und die SPD war wieder zugelassen. So nahm Karl seine Mitgliedschaften sowohl in seiner Partei als auch seiner Gewerkschaft, jetzt im FDGB, auf. Er wollte am demokratischen Neuaufbau Deutschlands aktiv teilnehmen, auf verschiedenen Ebenen und in verschiedenen Funktionen wirken, seine Haltung zur Einflussnahme auf gesellschaftliche Entwicklungen war trotz Vorkriegs- und Kriegserfahrungen unverändert.

Wieder stand eine Zeit schwer zu durchschauender politischer und sozialer Entwicklungen an: Ende des Zweiten Weltkriegs mit seinen vielen Opfern und harten Folgen für die Bevölkerung; Aufteilung Berlins in die Sektoren der vier Besatzungsmächte adäquat der Aufteilung Deutschlands in vier Besatzungszonen; Berlins Viermächte-Sonderstatus; Wiedergutmachungsabkommen, wobei sich die Alliierten darauf einigten, ihre Reparationsforderungen hauptsächlich aus ihren jeweiligen Besatzungszonen zu befriedigen (an die UdSSR mit den höchsten Kriegsverlusten gingen aus Ostdeutschland Reparationszahlungen in Höhe von 13 Mrd. Dollar, an die Westmächte aus Westdeutschland hingegen 0,5 Mrd. Dollar). Im April 1946 erfolgte in der sowjetischen Besatzungszone die Gründung der SED durch den Zusammenschluss von KPD und SPD. 1947 kündigte Churchill mit seiner Rede in Fulton die Einheit der Antihitlerkoalition zwischen Westmächten und Sowjetunion auf, und es begann unter dem Zeichen des Antikommunismus der Kalte Krieg.

In seinem Beruf als Tiefdruck-Rotationsdrucker fand Karl Richter schnell Anstellung. Schon am 29. April 1946 begann er bei der Zeitung der sowjetischen Militäradministration „Tägliche Rundschau“, Schützenstraße 18-25, zu arbeiten. Wieder kandidierte er als Gewerkschafts-Vertrauensmann, wurde gewählt und erstritt in dieser Position für die Kollegenschaft gesonderte Lebensmittelkarten, weil für Arbeiten mit giftigen Stoffen, die in jeder Druckerei Anwendung fanden, der Anspruch auf mehr und bessere Versorgung bestand.

Parallel dazu stieg Karl in die Parteiarbeit ein und ließ sich am 5. Dezember 1947 zum Bezirksverordneten für die SPD in die Bezirksverordnetenversammlung seines Wohnbezirks Neukölln wählen. Eine ehrenamtliche Funktion, die er bis 1950 ausübte. In dieser Tätigkeit lernte er seine zweite Frau Herta Spann kennen, Sekretärin beim Stadtrat für Volksbildung im Bezirk Tiergarten. Sie wohnte wie Karl in Neukölln, und war so wie er in diesem Stadtbezirk „Bezirksverordnete der ersten Stunde“.

Gleichzeitig wurde Karl in Neukölln zum ehrenamtlichen Bezirksvorsitzenden seiner Industriegewerkschaft Grafisches Gewerbe im FDGB gewählt. Damit festigte er sein Doppel-Engagement Partei/Gewerkschaft endgültig.

Zu dieser Zeit spitzte sich ein Konflikt, kaum dass er zu schwelen begonnen hatte, zwischen Mitgliedern und Funktionären aus den Einzelgewerkschaften und den Mitgliedern des FDGB-Vorstandes zu. Es war ein politischer Konflikt, weil letztere die von der SED beanspruchte führende Rolle im Osten Deutschlands anerkannten und die Positionen dieser Partei vertraten. Die Opponenten innerhalb des FGDB traten bei den Verbandstagen der Einzelgewerkschaften gegen die Kandidaten der SED an, konnten zahlreiche Stimmen auf sich vereinigen, wurden aber nicht diesem Stimmverhältnis entsprechend in die Organisationsstruktur einbezogen.

Zu den Kritikern innerhalb der IG Grafisches Gewerbe gehörte Karl, und er fühlte sich in seiner antikommunistischen Haltung bestätigt. Dieser Kreis von Kollegen legte seine Position auf dem ersten Verbandstag am 20. April 1948 dar. Sie erhielten zwar eine beachtliche Resonanz, konnten aber nicht die notwendige Stimmenzahl auf sich vereinigen und wurden von den anwesenden Delegierten aus dem Vorstand herausgewählt, worauf Karl seine Funktion als Bezirksvorsitzender Neukölln der IG Grafisches Gewerbe im FDGB niederlegte.

Derartige Abläufe zwischen den Kontrahenten wiederholten sich bei den Wahlen zur berlinweiten Stadtkonferenz des FDGB am 21. Mai 1948, so dass 200 Delegierte diese Konferenz verließen, um eine eigene kommissarische Leitung zu wählen, die dann die Unabhängige Gewerkschafts-Opposition (später Unabhängige Gewerkschafts-Organisation) UGO, ins Leben rief.

Schon einen Monat später, am 29. Juni 1948, fand die Gründung des Grafischen Industrieverbandes innerhalb der Neugründung UGO statt mit der Wahl eines hauptamtlichen Verbandssekretärs. Viele Kollegen wechselten vom FDGB in die UGO über, unter ihnen auch Karl.

Die politischen Differenzen hatten nicht vor der Druckerei haltgemacht, wo sie sich zwischen Karl und der sowjetischen Betriebsleitung abspielten. So hatte sich Karl, nicht zuletzt auch aus Sicherheitsgründen, entschlossen, sein Arbeitsverhältnis in der „Täglichen Rundschau“ nach anderthalb Jahren zu lösen. Deshalb war er schon ein Jahr vor der UGO-Gründung, am 29. Juli 1947, aus dem Betrieb ausgeschieden und hatte damit zugleich seinen erlernten Beruf als Drucker bzw. Tiefdrucker aufgegeben, da sich ihm kurz darauf die Gelegenheit bot, als hauptamtlicher Funktionär zu arbeiten.

Anfänglich hatte er eine Parteifunktion inne, und zwar in Neukölln, wo er sowohl als Partei-, als auch als Gewerkschaftsarbeiter ja kein Unbekannter mehr war. Am 1. Dezember 1947 war die Anstellung als Betriebssekretär der SPD erfolgt. Sieben Monate, bis zum 31. Juli 1948, war er für die Gewerkschaftsarbeit und die Arbeit der SPD in den Betrieben zuständig. Danach wechselte er als Hauptamtlicher zu seiner Gewerkschaft, nämlich zur der vier Wochen zuvor gegründeten IG Grafisches Gewerbe in der UGO.

Jahre des Wirkens als Westberliner Gewerkschaftsführer

Die Zeit von 1948 bis 1969

In den folgenden 21 Jahren war Karl beruflich ausschließlich auf Gewerkschaftsebene tätig, bis er 1969 mit 65 Lebensjahren in den Ruhestand ging.

Zu Beginn dieses Zeitabschnittes forcierten die westlichen Besatzungsmächte die Gründung eines deutschen Teilstaates, bestehend aus ihren drei Besatzungszonen, wozu wichtigster Schritt die am 20. Juni 1948 durchgeführte Währungsunion war. Das gemeinsame Geld der Deutschen wurde im Westen Deutschlands außer Kurs gesetzt und 10:1 gegen in den USA gedruckte DM-Scheine umgetauscht, was die ökonomische Spaltung Deutschlands bedeutete und unweigerlich die politische nach sich zog. Die Sowjetunion reagierte mit der Blockade, der Unterbindung aller Verkehrsbeziehungen und Transportwege zwischen Westberlin und Westdeutschland, worauf bis Mai 1949 per Luftbrücke die westberliner Bevölkerung ernährt werden musste. Im selben Monat, am 23. Mai, erfolgte mit der Verkündung des Grundgesetzes die Gründung der Bundesrepublik Deutschland, worauf die UdSSR mit der Gründung der Deutschen Demokratischen Republik vier Monate später, am 7. Oktober, reagierte.

Es folgten in der BRD die Gründung der Bundeswehr mit Einführung der Wehrpflicht, dann die Einbeziehung der Bundeswehr in die NATO. Im Gegenzug fand die Gründung der Kasernierten Volkspolizei, der späteren Nationalen Volksarmee mit Einführung der Wehrpflicht in der DDR statt, und schließlich die Betonierung der Spaltung Deutschlands mit dem Mauerbau 1961 durch die DDR.

Eine Entwicklung, die Karl empörte, und deren Ursache er allein in einem undemokratischen und diktatorischen Verhalten der maßgebenden Politiker von Sowjetunion, sowjetischer Besatzungszone und SED sah. Aber auch die innenpolitische BRD-Entwicklung verlief gegen seine Erwartungen. Er gehörte jener Partei, der SPD, an, die nicht an der ersten BRD-Regierung, einer Koalition aus CDU/CSU und FDP, beteiligt war, einer Koalition, die auch den durch die UdSSR im März 1952 unterbreiteten Friedensvertragsvorschlag ablehnte, der die Wiedervereinigung Deutschlands in einem blockfreien, neutralen Staat vorsah. Eine Deutschlandlösung, der Karl zugestimmt hätte. Doch die Stabilisierung der CDU nahm in den folgenden Jahren zu, sie beruhte auf dem durch die Marshallplanhilfe in Gang gesetzten, durch die Währungsunion und die Besatzungsmächte unterstützten wirtschaftlichen Aufschwung im Rahmen eines wiedereingeführten privatkapitalistischen Wirtschaftssystems. Karls Partei hingegen favorisierte damals noch Planwirtschaft und Sozialisierung der Schlüsselindustrien, um die kapitalistischen Produktionsverhältnisse zu überwinden.

Schließlich fand sich Karl mit den innen- und außenpolitischen deutschen Gegebenheiten ab, zumal er in Westberlin lebte, wo seine Partei regierte, und festigte sein rigoroses Ablehnen der Verhältnisse in der sowjetischen Besatzungszone und späteren DDR: wegen der einheitspolitischen, nicht wegen der wirtschaftlichen Ausrichtung.

Zur inneren Gelassenheit gelangte er schließlich auch durch die Ehe mit der ein Jahr älteren Herta Spann. Nach fast zwei Jahren Bekanntschaft heirateten sie am 16. März 1948. Sie beschlossen, seine Wohnung aufzugeben und in ihre zu ziehen, in die Fritz-Reuter-Allee 172, ebenfalls in Britz/Neukölln, denn zu dieser gehörte ein Garten. Neben der anfänglich sehr aufreibenden aber doch auch befriedigenden beruflichen Entwicklung führte Karl ein eher zurückgezogenes Privat- und Eheleben: mit vielen kulturellen Erlebnissen, denn nicht nur sein politisches, auch sein Kulturinteresse teilte seine Frau, die Urlaube krönte das Paar mit Wandern, speziell Bergwandern, und die Wochenenden mit Rosenzüchten im Garten. Zu ihrem Kreis befreundeter Familien gehörte zuvörderst die Familie von Walter G. Oschilewski, der anfänglich Ressortleiter und später stellvertretender Chefredakteur der beim Berliner Telegraf geworden war, der Anthologien zu Kunst und Künstlern herausgab und selber Gedichte schrieb.

Der zu dieser Zeit große Arbeitsstress beruhte auch auf den sich buchstäblich überstürzenden politischen und damit verbundenen beruflichen Ereignissen: Am 1. Juli 1948 erhielt Karl, wie schon erwähnt, die Anstellung als Organisationssekretär der UGO in „seinem“ Bezirk Neukölln, wo er zuvor die gleiche Stelle innerhalb des FDGB verloren hatte. Im Gegensatz zum FDGB, dessen Organisation durch die schon dreijährige Existenz und den Rückgriff auf die Vorkriegs-Organisationsstruktur gefestigt war, musste die UGO ihre Strukturen erst aufbauen, was durch die Mangelsituation der Nachkriegsgesellschaft nicht gerade erleichtert wurde. Doch nur fünf Monate, bis zum 30. November 1948, hatte er diese Funktion inne, dann wechselte er die Ebenen, von der „unteren“ Kreis- auf die „höhere“ (West)Berliner Verbandsebene. Denn die Zahl der Mitglieder im Grafischen Industrieverband, die aus dem FDGB in die UGO übertraten, wuchs so an, dass neben der durch Arthur Petzold besetzten einzigen hauptamtlichen Stelle eine weitere, sozusagen die Stelle des zweiten Vorsitzenden, zu errichten und kommissarisch zu besetzen war.

Karl wurde mit dieser Aufgabe betraut und arbeitete ab 1. Dezember 1948 in dieser Funktion. In ihr wurde er auf dem ersten Verbandstag am 27. März 49 (auf welchem die Namensänderung von „Grafischer Industrieverband“ zu „IG Druck und Papier“ erfolgte) mit mehr als 90% der abgegebenen Stimmen bestätigt und wiedergewählt. Eine Prozedur, deren Verlauf und Ergebnis sich von Verbandstag zu Verbandstag wiederholte, ebenso als er nach neun Jahren auf der Position des zweiten Vorsitzenden für weitere 12 Jahre die Funktion des ersten Vorsitzenden übernahm.

Auch auf der (West)Berliner Ebene ging es parallel zur eigentlichen Arbeit noch lange Zeit schwerpunktmäßig um den Aufbau der UGO-Organisation mit sparsamsten Mitteln, was sich dann durch die Währungsreform noch um einiges erschwerte. Denn das Ostmark-Währungsgebiet, 40% des Gesamtumsatzes und 25% der Arbeitsplätze gingen verloren, worauf die Arbeitgeber durch Herabsetzen der Löhne zu reagieren suchten. So stand im Vordergrund des gewerkschaftlichen Kampfes vorrangig die Erhaltung des Reallohns, der tarifliche Kampf, womit Karl übervoll ausgelastet war. Dennoch war er darüber hinaus noch verantwortlich für das ab Oktober 1948 erscheinende Mitteilungsblatt „Grafische Nachrichten“.

Drei Jahre nach der Gründung des FDGB in der sowjetischen Besatzungszone hatten sich vom 12. bis 14. Oktober 1949 die Gewerkschaftsbünde der amerikanisch, britisch und französisch besetzten Zonen zum Deutschen Gewerkschaftsbund DGB zusammengeschlossen.

Viele Mitglieder der Berliner IG Grafisches Gewerbe in der UGO verlangten nun den Anschluss an den westdeutschen Bruderverband im DGB. Eine Forderung, die Karl teilte, versprach sie doch eine Stärkung der Westberliner Gewerkschaftsposition, den Fortfall des anstrengenden Alleingangs der gegenüber FDGB und DGB sehr kleinen UGO-Organisation, zumal unschwer zu erkennen war, dass die gesinnungsmässigen Interessen von DGB und UGO nahe beieinander lagen.

Am 23. Februar 1950 stimmte der Hauptvorstand der IG Druck und Papier im DGB dem Antrag der Westberliner Kollegenschaft der IG Grafisches Gewerbe nach umgehender Aufnahme in die westdeutsche IG Druck und Papier zu. Den Antrag zu dieser Beschlussfassung hatten Karl und Artur Petzold gemeinsam ausgearbeitet und begründet.

Zwischen den beiden Vorsitzenden herrschte allzeit ein einvernehmliches Verhältnis, nicht nur was gewerkschaftliche und politische Fragen betraf, auch zwischenmenschlich funktionierte die Zusammenarbeit. Ebenso war das Verhältnis zwischen Karl und den Mitarbeitern von einer freundlichen Atmosphäre getragen, nicht anders, als er vom zweiten zum ersten Vorsitzenden avancierte. Es gab nie ein böses Wort, und noch Jahrzehnte später bescheinigten die Kollegen ihrem Vorsitzenden einen tadellosen Umgang mit Untergebenen, was für Karl auch eine Frage der Kultur war.

Mit diesem Beschluss war die IG Druck und Papier im DGB die erste westdeutsche Gewerkschaft, die den Zusammenschluss mit ihrem Pendant aus der UGO-Organisation vollzog. Die organisatorische Vereinigung der Gesamtorganisationen von UGO und DGB fand fünf Monate später, am 1. Juli 1950, statt, wobei die UGO als Berliner Landesbezirk in den DGB eingegliedert wurde.

Nun, da die Entwicklung den von Karl gewünschten Verlauf genommen hatte, konsolidierte sich die Gewerkschaftsarbeit, es begannen Jahre kontinuierlicher aber anstrengender Tätigkeit für eine Angleichung der westberliner Einkommens-, Arbeits- und Lebensbedingungen an die der westdeutschen Bundesgebiete. Bis Mitte der 60er Jahre wurden unter schwierigen Verhandlungen Löhne und Gehälter sowie Urlaubstage erhöht, der Arbeitstag bei vollem Lohnausgleich stufenweise auf 40 Stunden verkürzt, das Tarif-, Kündigungs- und Betriebsverfassungsgesetz sowie Arbeitsschutzgesetze für Frauen und Jugendliche erreicht, durchweg großartige Errungenschaften der Gewerkschaftsbewegung, an deren Durchsetzung Karl für seine Gewerkschaft Druck und Papier einen gewaltigen Anteil hatte.

Auch die gewerkschaftliche Bildungsarbeit nahm wieder den ihr angemessenen Platz ein, wobei nicht nur für Mitglieder, sondern auch für Funktionäre Bildungsangebote aufgestellt wurden. So bot die Hochschule für Politik Berlin Gewerkschaftsseminare an, welches Karl als Gewerkschaftssekretär im Wintersemester 49/50 besuchte. Darüber hinaus wurden zum Zwecke des Sammelns gewerkschaftspolitischer Erfahrungen und des Kulturaustauschs Studienreisen von Gewerkschaftsdelegationen organisiert. Karls typisches Bestreben nach Weiterbildung setzte sich nun in Reisen fort. So ging es mit dem Program for German Leaders am 15. November 1951 in die USA, am 15. Januar 1957 nach Schweden, er reiste auch in die Türkei und nach Israel. Nach jeder Reise hatte Karl das Bedürfnis, von diesen Erfahrungen kundzutun. Nicht nur schriftlich, wie in den "Grafischen Nachrichten" über die USA-Reise, unter dem der heutigen Realität weit vorauseilenden Titel "Europäischer Staatenbund nötig". Sondern er verarbeitete seine Erlebnisse auch zu Vorträgen und bot sie im Kollegenkreis an, ganz so, wie sich Karl Kulturarbeit und –vermittlung vorstellte.

Ein besonderer Höhepunkt in Karl Richters beruflicher Tätigkeit war das Betreiben der Aufnahme von Willy Brandt in die IG Druck und Papier, was dadurch möglich war, dass Brandt der Journalistenunion angehörte. Das Beitrittsschreiben trägt das Datum 9. Mai 1955. Es wurde ausgestellt nach intensiven Gesprächen zwischen Karl und dem damaligen Präsidenten des Berliner Abgeordnetenhauses und späteren Regierenden Bürgermeisters von Berlin(West), die eine gewerkschaftliche Unterstützung seiner politischen Arbeit vorsahen. Damit hatte Karl zugleich einen repräsentativen Redner für die Festansprachen anlässlich des 100jährigen Bestehens des Berliner Gaus 1962 und des 100jährigen Bestehens der IG Druck und Papier 1966 gewonnen.

Schon als Zweiter Landesvorsitzender übernahm Karl eine Reihe ehrenamtlicher Aufgaben, Ehrenämter, die er teilweise über die Jahre als Erster Landesvorsitzender hinaus bis in seinen Ruhestand hinein ausübte. Es war für ihn keine Frage, einen Großteil der privaten Lebenszeit für die Allgemeinheit zu „opfern“. Seine Frau Herta zeigte für diese Haltung Verständnis, sie teilte auch hierin seine Auffassung von einem sinnerfüllten Leben. So arbeitete er von 1949 bis 1970 als Landesarbeitsrichter, von 1950 bis 1969 als Beisitzer im Schiedsausschuss für Arbeitsstreitigkeiten zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern beim Senator für Arbeit und Sozialwesen, und von 1953 bis 1964 als Verwaltungsrichter am Verwaltungsgericht und schließlich ab 1955 am Oberverwaltungsgericht als Landessozialrichter.

In den Jahren 1951 bis 1974 war er außerdem Mitglied des Vorstandes der Versicherungsanstalt Berlin (VAB); 1952 der Allgemeinen Ortskrankenkasse (AOK), wo er den Vorsitz des Personalausschusses übernahm und in weiteren Ausschüssen arbeitete; und er war von 1952 bis 1974 Mitglied der Vertreterversammlung des Bundesvorstandes der Ortskrankenkasse (BDO). Aber damit nicht genug der umfänglichen Palette von Ehrenämtern!

Denn besonders am Herzen lag Karl immer die Frage der Berufsaus- und -fortbildung, seine eigene vor Jahrzehnten noch in bester Erinnerung, als die Qualität der Ausbildung ganz entscheidend vom eigenen Bemühen abhing, sich die Erfahrungen und Fertigkeiten der Fachkollegen anzueignen. So erstritt er nicht nur im Rahmen seiner gewerkschaftlichen Verantwortung Bedingungen für eine bessere Ausbildung, er vertrat sie von 1952 bis 1974 auch in der Industrie- und Handelskammer als Mitglied des Prüfungsausschusses für den Ausbildungsberuf Tiefdrucker. Zur gleichen Zeit war er Mitglied des Fachbeirates der Berufsschule „Gutenberg“ für das Grafische Gewerbe.

Er rekapitulierte auf der Bundeskonferenz der Buchdruckersparten am 23.5.1956 in Hamburg den Gang der Tiefdrucktechnik in einem Referat „Situation im Tiefdruck, Technik und Arbeitsschutz“, in welchem er seine eigenen Erfahrungen einbrachte und was noch im selben Jahr zur Drucklegung gelangte.

Am 24. März 1957 erfolgte Karls Wahl zum Ersten Landesvorsitzenden der IG Druck und Papier Berlin im DGB, in welcher Funktion er dann 12 Jahre bis zur Berentung arbeitete.

Zweieinhalb Jahre später, im November 1959, beschloss die SPD in ihrem Godesberger Programm, sich von der Forderung nach Beseitigung kapitalistischer Produktionsverhältnisse zu verabschieden, um stattdessen auf die Kontrolle wirtschaftlicher Macht insbesondere durch Mitbestimmung zu setzen. Eine politische Wende, die Karl mit vollzog. Nicht nur, weil er stets demokratische Lösungen favorisierte, sondern auch, weil das der Politik seiner Gewerkschaft entsprach, die immer (wenn auch nur auf betrieblicher Ebene) für eine demokratische Mitbestimmung gekämpft hatte.

Der Mauerbau am 13. August 1961, den Karl scharf verurteilte, setzte noch einmal eine tiefe Zäsur für die westdeutschen Gewerkschaftsbewegung, die alle Funktionärskollegen in ihrer Tätigkeit herausforderte. Tausende Beschäftigte wurden von ihren bisherigen Arbeitsplätzen im Osten Berlins ferngehalten, die nun einer gewerkschaftlichen Unterstützung und Neuorientierung bedurften, um sie wieder in Lohn und Brot zu bringen. Nach dieser Anstrengung folgte dann schließlich und endlich eine Normalisierung in der Organisationsarbeit, und ein „normaler“ Arbeitsalltag bestimmte bis zum Ausscheiden aus dem Berufsleben Karls Tätigkeit. Es waren dies noch acht Jahre, in denen die Gewerkschaften weitere große Erfolge gegen den Widerstand der Arbeitgeber erreicht hatten: so die 35-Stundenwoche, Urlaubszeiten von bis zu 30 Tagen, Urlaubs- und Weihnachtsgeld und gute bis sehr gute Einkommen.

In seiner Funktion war Karl Mitglied des Landesbezirksvorstandes Berlin des DGB, Delegierter zu allen Gewerkschaftstagen der Organisation und zu Bundeskongressen des DGB, er war Mitglied des Erweiterten Hauptvorstandes und der Tarifkommission der IG Druck und Papier Stuttgart. 1961 nahm er am Kongress der Internationalen Grafischen Förderation in Oslo teil.

1962 verfasste er mit Walter G. Oschilewski die Festschrift „Hundert Jahre Gau Berlin, Industriegewerkschaft Druck und Papier im DGB“, wozu Willy Brandt, nun Regierender Bürgermeister, ein Grußwort schrieb. 1992 erschien die zweite Auflage, die Walter G. Oschilewski nicht mehr erlebte. Sieben Jahre zuvor, 1985, war verstorben.

Zwei Jahre vor seinem Ruhestand beschlossen Karl und Herta in eine Neubauwohnung zu ziehen. Die Blöcke eines neuen Viertels in Reinickendorf waren gerade hochgezogen und ähnelten sich, wie die Häuser und Wohnungen dieser Art von Plattenbauten überall in Ost und West. Die zweieinhalb Zimmer waren klein, doch ein langer Balkon gehörte zur Wohnung, und ihre Fenster blickten auf eine Kleingartenanlage. Es war eine gewisse Entschädigung dafür, dass das Ehepaar mit der alten Wohnung auch den Garten aufgegeben hatte. Der Mietsvertrag datierte vom 18. 9. 67, der Einzug erfolgte am 5. 12. 67, die neue Adresse Seidelstraße 409 wurde später in Foxweg 13 umbenannt. Dass Karl in seiner Position eine solch schlichte Wohnung bezog und nicht eine luxuriösere, die seinem Ansehen und seinem Einkommen sehr wohl entsprochen hätte, hielt er sicher einem Arbeiterfunktionär für angemessen. Er war frei von aller Überheblichkeit, von Anmaßung und Dünkel. Dazu stand nicht im Widerspruch, dass seine Wände Bilder, zumeist in Kopie, von bekannten Malern schmückten. Auch besaß er eine vielbändige Bibliothek, die von Belletristik und Lyrik berühmter nationaler wie internationaler Dichter und Schriftsteller über Werke der Kunst und Kunstgeschichte bis zu Arbeiten zu Politik und Geschichte reichte. Vor allem aber bargen sie seine wertvolle und immer größer werdende Sammlung von bibliophilen Büchern und seltenen sowie antiquarischen Stücken aus dem Buchdruckergewerbe.

Am 15.07.1969 ging Karl mit 65 Jahren in den Ruhestand.

Die Zeit des Ruhestandes

Die Jahre von 1969 bis 2003

Karls Rentnerdasein aber war kein Ruhe-, sondern ein Unruhestand. Er hatte lediglich die berufliche Tätigkeit niedergelegt, seine politischen und gewerkschaftlichen Aktivitäten betrieb er nicht nur weiter, er forcierte sie sogar. Er setzte sich nämlich voller Elan an die Spitze der Seniorenarbeit, nicht nur seines Reinickendorfer Bezirkes, sondern auch seiner Gewerkschaft und insbesondere seiner Partei. Denn seit Jahren schon gab es in der SPD das Bestreben älterer Genossen, Seniorenarbeitsgruppen zu bilden, die allen anderen AGs auf Landes- und Bezirksebenen gleichberechtigt gegenüberstünden. Bislang waren diverse Versuche in verschiedenen Bundesländern, eine solche Gründung zu initiieren, gescheitert.

Karl griff diese Stimmung auf und rief zusammen mit seinem Schwager, Herbert Wollstein, einen berlinweiten Arbeitskreis von Senioren zusammen, nämlich die zwei Jahre später, seit 1971 engagiert agierende „Arbeitsgemeinschaft der Veteranen der Arbeiterbewegung“ der SPD in Berlin (ein Jahr später in „Arbeitsgemeinschaft der Senioren der SPD Berlin“ umbenannt). Nach dem Tod seines Schwagers 1972 trat Karl als deren Sprecher beziehungsweise Beauftragter auf und warb seitdem leidenschaftlich für eine offizielle bundesweite Arbeitsgemeinschaft der Senioren in der SPD.

Dieses zähe, jahrelange Ringen der Enthusiasten, von denen Karl nur einer war, mit der Parteiführung, sollte erst zweiundzwanzig Jahre später, 1991, Erfolg haben. Bis es soweit war, betrieb Karl eine ernsthafte und anerkannte Seniorenarbeit in einer sozusagen auf privater Initiative beruhenden Arbeitsgemeinschaft innerhalb der Partei.

Parallel dazu engagierte er sich ebenfalls seit 1969 in der Seniorengruppe seiner Gewerkschaft "Alte Bardenrunde", die bereits 1926 gegründet worden war. So fand im Jahr 1969 schon ihre 2035. Sitzung statt, während der Karl Mitglied und Förderer wurde und fortan als Vertreter für deren Mitglieder im zentralen Arbeitskreis der Berliner Senioren auftrat.

Die Seniorenarbeit war für Karl in erster Linie ein soziales Arbeitsgebiet, das es zu beackern galt. 1947 war er schon Mitglied der Arbeiterwohlfahrt geworden, 1976 wird er auch dem Arbeiter-Samariter-Bund beitreten.

1995, zehn Jahre vor seinem Tod, sah er auf die vergangenen 20 Jahre Seniorenarbeit zurück und bezeichnete sie als Kampf um – beispielsweise - das Pflegeversicherungsgesetz, und verwies auf die zusätzliche Kraftanstrengung, die es dann noch gekostet hatte, um dieses Gesetz auch in die Realität umzusetzen.

In zweiter Linie aber ging es Karl um die Anerkennung der „Alten“, darum, dass sie als Gruppe mit den gleichen Rechten und Pflichten ausgestattet würden wie jede andere Gruppe in den entsprechenden Gremien. Er kämpfte auch unter den Mitgliedern selber, die sich all zu leicht zum „Alten Eisen“ abstempeln ließen.

Karls Antrieb für dieses hartnäckige Engagement basierte entscheidend auf seinem eigenen Selbstverständnis. Das Erleben von vier Gesellschaftsordnungen, Kaiserzeit, Weimarer Republik, Nazideutschland und Bundesrepublik empfand er als einen Schatz an Erfahrung und Wissen, der nicht nur berechtigt, am gesellschaftlichen Leben gleichberechtigt und selbstbestimmt mitzuwirken, sondern geradezu verpflichtet, sich an die Nachgeborenen zu wenden und diesen „Schatz“ an sie weiterzugeben.

Dieses Selbstverständnis wurde mit zunehmendem Alter genährt, denn das Interesse an seiner Person wurde mit Lebensjahr zu Lebensjahr größer: Karl Richter als Zeitzeuge war anlässlich diverser historischer Anlässe immer öfter gefragt. Und da ihm sein Gedächtnis viele wichtige Begebenheiten oft bis ins Detail bewahrt hatte, war er nicht nur bereit, zu erzählen, sondern auch, diese Erinnerungen niederzuschreiben. Er, der nie zuvor daran gedacht hatte, auch nur eine Rede zu halten oder eine Zeile zu schreiben, hatte schon während seiner Berufstätigkeit viele Reden und Zeilen verfertigt. Nun aber machte er sich mit Eifer daran, Erfahrung und Wissen gezielt für die Nachwelt aufzubewahren.

In den 31 Jahren bis zu den Feierlichkeiten anlässlich seiner 80jährigen Zugehörigkeit zu Gewerkschaft und Partei im Jahr 2000, während der der 96jährige Jubilar in glänzender Verfassung auftrat, hatte er seine Erfahrungen mit der deutschen Geschichte des letzten Jahrhunderts in ungezählten Vorträgen, Dutzenden Artikeln, einigen Broschüren und in Ausstellungen kundgetan. So hatte er 1971 an der Schrift „Berliner Gewerkschaftsgeschichte von 1945 bis 1950, FDGB, UGO, DGB“ mitgearbeitet; 1982 einen Vortrag über den Schriftsteller B. Traven gehalten; 1987 seine "Erinnerungen Reinickendorfer Sozialdemokraten 1933 – 1945, Jahre der Unmenschlichkeit" verfasst; 1983 die Ausstellung "Von August Bebel bis Ernst Reuter – unser Kampf für Freiheit und Völkerfrieden" verfertigt; im selben Jahr `83 einen Vortrag über Siegfried Nestriepke, Generalsekretär der Volksbühne e.V. Berlin und Direktor des damaligen Theaters am Bülowplatz angeboten; 1988 an der Broschüre „40 Jahre DGB (UGO), 40 Jahre Kampf für Freiheit und Menschenrecht“ mitgeschrieben; im selben Jahr `88 aus seinen über die Jahrzehnte angesammelten zum Teil kostbaren Materialien aus dem Buchdruckergewerbe eine weitere Ausstellung "Von der Keilschrift zur Druckindustrie" zusammengestellt, zu der er obendrein per Hand die begleitenden Texte schrieb. Wobei sich seine Handschrift bis ins hohe Alter sehen lassen konnte. Für einen gelernten Buchdrucker wohl Ehrensache: zu schreiben wie gedruckt. Beide Ausstellungen zeigte er mehrere Male an verschiedenen Orten. 1990 hatte er sein Bändchen „Auf Schusters Rappen – Mein Wanderjahr 1923“ vorgelegt; 1994 veröffentlichte er einen Artikel zum 70. Jahrestag der Büchergilde Gutenberg; 2000 war das Buch "Gearbeitet, gewerkschaftet, gewohnt" erschienen, an dessen Erarbeitung er als Mitautor beteiligt war; 2001 hielt er einen Vortrag vor der ver.di-Jugend über das Problem der Ausbildung im Duckgewerbe, reflektierte dabei die Entwicklung seit seiner Ausbildungszeit und kritisierte die mangelhaften Ausbildungsanstrengungen der Arbeitgeber; und er hielt mehrmals Vorträge zum Thema "Neubeginn – Währungsreform – Blockade".

Mit seiner gestochenen Schrift hatte er in diesen Unruhe-Jahren seinen Lebenslauf in Verse gesetzt, aus denen er zu verschiedensten Anlässe und immer unter großem Applaus rezitierte. Das Reimen hatte ihn schon gepackt, als er noch berufstätig war, und er Geburtstags- und Kartengrüße „ververste“.

Die erwähnten Feierlichkeiten anlässlich seiner 80jährigen Gewerkschafts- und Parteizugehörigkeit wurden gekrönt mit der Überreichung der Gründungsurkunde "Karl-Richter-Verein. Zur Erforschung der Geschichte und der kulturellen Traditionen der Buchdrucker e.V." an den beglückten Jubilar.

Karls geistiger Verfassung hielt seine körperliche stand. Die Organisation seiner eigenen Veranstaltungen, die Besuche kultureller Einrichtungen, die Teilnahme an allen gewerkschaftlichen Verbands- und allen Parteitagen, die vielen Partei- und Gewerkschaftssitzungen, -versammlungen und -konferenzen, die er immer bestens, meist schriftlich vorbereitet, besuchte, selbst seine jährliche Teilnahme an Demonstrationen zum ersten Mai konnte er ohne jede Unterstützung bewerkstelligen. Nur einen Stock zog er immer öfter zu Hilfe, auf den er seinen sich krümmenden Rücken bei allzu langem Stehen oder Laufen abstützen konnte.

8. bis 15. April 1998 schlossen sich die IG Druck und Papier und die Gewerkschaft Kunst zusammen zur IG Medien. Ein Vorgang, den Karl wahrscheinlich positiv bewertet hatte, fühlte er doch immer eine Nähe zu Kunst und Künstlern. Außerdem machten strukturelle Veränderungen im Druck-, Medien- und Kultursektor ließen ein solches Zusammengehen vernünftig und aus gewerkschaftlicher Sicht notwendig erscheinen.

Als 1989 die Berliner Mauer fiel und sich schier überstürzende Ereignisse nach sich zog, demonstrierte der 85jährige Karl erneut seine unverwüstliche „Jugendlichkeit“. Der Lauf der Geschichte war seinen ideologischen Überzeugungen entsprechend erfolgt, den Fall der DDR hatte er noch erlebt, er fühlte sich in seiner Geschichtsauffassung aufs Eindringlichste bestätigt und entsprechend beflügelt. Nur eine Siegermentalität fühlte er nicht in sich aufkeimen. Umgehend half er seinen Parteigenossen im Ostberliner Stadtbezirk Pankow die Seniorenarbeit zu organisieren und nahm regelmäßig an den Pankower Kreisvorstandssitzungen teil. Er hatte sich für diesen Bezirk in Erinnerung an die Pankower Laube seiner Kindheit entschieden. Außerdem machte er sich für die Zusammenarbeit zwischen den Berliner und Brandenburger Senioren stark.

Wie ehemals von seinen (West)Mitarbeitern wurde ihm nun von den Ost-Genossen für seinen kollegialen Stil vielfältiger Dank zu teil.

Sobald der Weg ins Berliner Umland wieder frei war, zog es ihn, wie einst mit den sozialdemokratischen Jugendlichen, nun mit seiner Frau, der Familie, Freunden und mit Seniorengruppen ins Brandenburger Land. Vieles hatte sich in Karls Leben zu seiner Zufriedenheit gefügt. Bis nur ein Vierteljahr später in Folge eines Herzinfarktes seine diabetiskranke Frau am 14. Februar 1990 verstarb. Karl war 86 Jahre alt.

Die folgenden 13 Jahre bis 2003 meisterte er allein als Witwer, bei der Bewältigung von Haushalt und Einkauf half einmal wöchentlich ein Zivildienstleistender und vierzehntägig eine Reinigungsfrau. Einsam fühlte er sich nicht, war er doch ins Schreiben und Vortragen vertieft und intensiv in die Arbeit von Partei und Gewerkschaft eingebunden. Zumal sich obendrein nun das ereignete, worauf seine und die anderer Mitstreiter gerichtete Seniorenoffensive hinauslaufen sollte: die Gründung einer bundesweiten, eigenständigen Organisation für SPD-Veteranen.

Vier Bundesparteitage beziehungsweise –konferenzen waren vonnöten: 1991 in Bremen, wo im Rahmen einer Parteireform und auf Grundlage diverser Anträge „Politik mit Senioren“ und nicht mehr „für“ Senioren im Grundsatz beschlossen wurde; 1993 in Wiesbaden, wo der endgültige Beschluss zum Aufbau einer „SPD AG 60 plus“ gefasst und der Startschuss zum Aufbau der Strukturen gegeben wurde; 1994 in Mainz, wo während der ersten Bundesseniorenkonferenz die Wahl des Bundesvorsitzenden stattfand, womit alle Formalien zum Aufbau der Organisation abgeschlossen waren. Ab 1995 fanden dann die zweijährig einberufenen, regulären Bundeskonferenzen statt.

In Berlin ging Karls „Arbeitsgemeinschaft der Senioren der SPD Berlin“ geräuschlos in die „SPD AG 60 plus“ auf, womit dem Strukturaufbau auf Landesebene schon vorgearbeitet war. Karl wurde in Anerkennung seines besonderen Engagements zum Ehrenvorsitzenden gewählt, übernahm aber den Vorsitz in seinem Wohnbezirk Reinickendorf, den er bis zu seinem 92. Lebensjahr 1996 inne hatte. Hier war noch viel Arbeit zu leisten, damit die Arbeitsgemeinschaft auf dieser Kreisebene funktionierte, und alle Mitglieder ihr volles Stimm- und Antragsrecht ausüben konnten. Aber der „immerjunge“ Karl meisterte die Aufgabe.

Dem Berliner Landesvorstand der "SPD AG 60 plus" gehörte er in zweierlei Funktionen an: als sein Ehrenvorsitzender und als Vorsitzender von Reinickendorf.

Der Wahlsieg der Sozialdemokratischen Partei im Jahre 1998, ihr Regierungsantritt (zusammen mit den Grünen) nach langen Jahren der Regierungsabstinenz, war für Karl ein ersehnter Triumph seiner sozialdemokratischen Ideale und ein erhoffter Umbruch in der bundesdeutschen Gesellschaft. Situationen wie der zähe Kampf um die Verabschiedung des Pflegegesetzes unter der christdemokratischen Regierung sollten nun der Vergangenheit angehören.

Dass dieser Umbruch später aber in genau entgegengesetzter Richtung verlief und sich unsozialer gebärdete als alle Regierungszeit der Christdemokraten traf den nunmehr fast schon „SPD-Weisen“ hart. Sozialabbau hätte er seinen Genossen nicht zugetraut. Denn das hieß nichts anderes als Abbau von Errungenschaften, an deren Durchsetzung er selber beteiligt war.

Nicht glücklich war er auch mit der gewerkschaftlichen Entwicklung. Seine „neue“ Gewerkschaft, die IG Medien, sollte nach nur 11 Jahren Existenz, mit vier weiteren Einzelgewerkschaften zur größten europäischen Gewerkschaft verschmolzen werden. Einerseits begrüßte er das Bündeln der Kräfte, die Verringerung der Personaldecke, die gewichtige Präsenz, andererseits aber befürchtete er, dass die fünf Gewerkschaften wegen verschiedener Historie, Finanzausstattung und Organisationsgraden nur auf unterstem Niveau auf einen gemeinsamen Nenner kämen. Und er mochte nicht daran denken, dass seine ureigene Gewerkschaft, die IG Druck und Papier, dann endgültig ihr eigenständiges Gesicht als eine der ehemals am besten organisierten und politisch profiliertesten Gewerkschaften Deutschlands verlieren wird. Die Verhandlungen, Absprachen, Kompromisse, das Tauziehen um Vereinbarungen liefen knapp vier Jahre, und Karl hatte an vielen Berliner Sitzungen teilgenommen. Sie räumten aber nicht sein Missbehagen gegenüber der Neugründung mit Namen Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft ver.di aus. Zwar beugte er sich, war auch auf dem Gründungskongress vom 19. bis 21. März 2001 als ältester Delegierter anwesend und stimmte schließlich der Gründung zu, aber er blieb gegenüber dem Großgebilde und seinem Manövriervermögen skeptisch.

Die letzten Jahre

2003 bis 2005

Anlässlich seines 99. Geburtstages im Jahre 2003, zu welchem der ver.di Fachbereich „Medien, Kunst und Industrie“ und die Arbeitsgemeinschaft „SPD AG 60 plus“ den Jubilar mit gesonderten Veranstaltungen würdigten, definierte Karl die aktuellen sozialpolitischen Geschehnisse als „eine schreckliche Entwicklung“.

Fortan mischte er sich engagierter noch als zuvor in strittige politische Diskussionen ein, er hielt den Kopf oben, drückte seinen niedergeschlagenen SPD-Genossen die Hand und erklärte: wir kämpfen weiter. Jetzt erst recht versäumte er nicht die Teilnahme an der Bundeskonferenz der „SPD AG 60 plus“ in Halle, sechs Wochen nach den Feiern zu seinem 99. Geburtstag, auf welchem die Teilnehmer diese Entwicklung scharf verurteilten. Karl als der Älteste war unter den Kritikern. Doch diese Veranstaltung brach ihm zwar nicht das Genick, aber das Bein. Er stürzte, zog sich einen Oberschenkelhalsbruch zu, wurde per Rettungswagen aus dem Geschehen hinaus ins Krankenhaus transportiert, aber er erholte sich nie mehr von diesem Sturz. Der in gewisser Hinsicht Symbolkraft hatte.

Es folgte eine schwierige Phase der Genesung, danach war er auf partielle Hilfe und einen Rollstuhl angewiesen, und deshalb schien die Rückkehr in seine nicht rollstuhlgerechte Wohnung sinnlos. Nach mehrmaligem Wechsel der Krankenhäuser, organisierte sein Neffe, der von nun an die wichtigste Kontaktperson werden sollte, den Umzug in die Seniorenresidenz „Wasserstadt“ in Spandau, Havelspitze 5. Der Einzug Karls in sein neue Heim erfolgte am 1. Dezember 2003.

Wie seine Reinickendorfer Wohnung lag auch die Residenz weit ab vom Schuss, was dem nun auf Transporthilfe angewiesenen Karl die Aufrechterhaltung der Kontakte zu den Kollegen und Genossen extrem erschwerte. Aber die neue Wohnung mit Blick auf die Havel in der modernen Residenz, umsorgt vom Personal, erfüllte Karl mit großer Zufriedenheit. So schön hatte er nie zuvor gewohnt.

Zu seinem 100. Geburtstag 2004 war er so weit wieder hergestellt, dass er der großen Geburtstagsfeier unter Teilnahme von SPD-Größen wie Müntefering und Momper, und von ver. di-Größen wie Bsirske in seinem Rollstuhl von der Bühne herab mit seinen Dankesworten, die eine lange Rede wurden, den „Punkt aufs I“ setzte. Er rekapitulierte sein Leben, wobei er auch aus seinen Vita-Versen zitierte, und endete seine Darlegungen mit der Charakterisierung des Sozialabbaus: Er bezeichnete die gerade verabschiedeten Harzgesetze als einen „Betriebsunfall“ innerhalb der SPD-Geschichte. Er hielt sogar einen Generalstreik, das heißt einen politischen Streik, für möglich, sich wohl erinnernd an den Generalstreik gegen den Kapp-Putsch in seiner Jugendzeit, der ihn nicht nur beeindruckt, sondern politisiert hatte.

Im letzten Jahr seines Lebens, in welchem er sich durch Zeitungslektüre, durch Verfassen von Stellungnahmen zum Zeitgeschehen rundum informiert hielt, begann er gezielt seinen Nachlass zu ordnen und betrieb die Übergabe seiner wertvollen Sammlung von Büchern und Gegenständen aus dem Buchdruckergewerbe an den Karl-Richter-Verein.

Zu seinem 101. Geburtstag 2005, der wieder unter Teilnahme seiner Kollegen und Genossen stattfand und ein Filmportrait über den Jubilar erstmals öffentlich gezeigt wurde, wirkte Karl sichtlich ermüdet. Er war zwar hellwach, aber Stimme und Gesten waren ruhig und schwach.

Neun Wochen später, am 19. September 2005, verstarb Karl Richter an den Folgen eines Schlaganfalls, nachdem er vier Tage zuvor ins Krankenhaus eingeliefert worden war.


Auszeichnungen/Ehrungen:

14.8.1969
Verleihung des Bundesverdienstkreuzes I. Klasse der Bundesrepublik Deutschland
1970
Ehrennadeln und –urkunden der SPD und der IG Druck und Papier zu 50jähriger Mitgliedschaft,
15.7.1979
Verleihung der Ehrenmedaille des Bezirksamtes Reinickendorf für besondere Verdienste in der Sozialen Arbeit / Verleihung der „Gebrüder Humboldt-Plakette“
1980
Ehrennadeln und –urkunden der SPD und der IG Druck und Papier zu 60jähriger Mitgliedschaft
1984
Verleihung des Samariter - Ehrenkreuzes in Silber
1986
Verleihung der Ehrennadel des Arbeiter-Samariterbundes in Bronze
1989
Verleihung der Leonhard-Mahlein-Medaille
1994
Verleihung des Samariter-Ehrenkreuzes in Gold
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